Dienstag, 12. August 2008

Meine erste Reportage

Stress, der sich lohnt

Yvonne W. opfert jedes Wochenende für einen kurzen Ritt auf einem Reitturnier

Triefend nass, die Reitstiefel durchweicht, die weiße Hose und Bluse vor Nässe durchsichtig geworden und mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht steigt Yvonne W. von ihrem ebenso nassen Schimmel ab. Dennoch strahlt sie über das Ganze Gesicht. Leute kommen vorbei, die ihr Glückwünsche zurufen, von allen Seiten wird sie umarmt. Yvonne hat soeben ihr erstes Springen der mittelschweren Klasse gewonnen.

Heute morgen um 4 Uhr. Es ist Samstag und eine harte Arbeitswoche ist vorbei. Mit verschlafenem Gesicht steht Yvonne auf und geht zum Fenster. Es regnet, regnet in Strömen. Trotzdem ist es warm. Noch ist die Wärme angenehm, doch später am Tag wird es richtig heiß werden. Hoffentlich hört es wenigstens auf zu regnen. Eigentlich hat sie gar keine Lust jetzt rauszugehen. Doch sie rafft sich auf und zwängt sich in die enge, weiße Turnierreithose. Im Stall ist es dunkel und friedlich, der Regen tropft auf das Dach, die meisten Pferde schlafen noch oder kauen ihr Heu. „Jetzt einfach hinsetzen und dem Malmen der Pferde zuhören – das wäre toll!“. Ein berühmter Reiter erklärte mal: „Pferdemenschen müssen Frühaufsteher sein – oder sehr selbstdiszipliniert sein.“ Genau darauf kommt es jetzt an.

Yvonne holt ihr Pferd aus der Box. Es ist ein Schimmel. Ein Seufzer ertönt aus der Stallgasse. Mal wieder in den Mist gelegt. Ein weißes Pferd weiß zu bekommen ist eine Qual, die niemand gerne auf sich nimmt. Trotzdem macht sie sich an die Arbeit.

Später am Tag wird sie dafür belohnt werden, denn ein strahlend weißes Pferd macht sich auf Siegerfotos besonders gut.

Mittlerweile ist es 6 Uhr. Der Futtermeister betritt den Stall, fröhlich vor sich hinpfeifend – er ist Frühaufsteher. Munter begrüßt er Pferd und Reiterin und macht sich daran die Pferde zu füttern. Adonis bekommt allerdings nichts. Vor dem Sport kein Futter. Ein bisschen sehnsüchtig macht er einen langen Hals und guckt in seinen Trog. Aber er wird später etwas bekommen, wenn die Arbeit vorbei ist.

Endlich geht es los. Yvonne’s Pflegerin Karin ist mittlerweile eingetroffen und hat den Pferdeanhänger eingeräumt und angehängt. Turniertrottel werden die Pfleger und Pflegerinnen auch liebevoll von den Pferdebesitzern genannt. Der Trottel für alles. Jeder Handgriff muss sitzen und sie dürfen sich für nichts zu schade sein. Da kann es auch passieren, dass man 10 Mal über den ganzen Turnierplatz zur Meldestelle laufen muss, weil wieder irgendetwas nicht stimmt. Und zum Anhänger muss man eh dauernd rennen. Meist vergisst man die Hälfte im Hänger. Ohne ihre „TTs“ wären die Reiter praktisch hilflos.

Ankunft am Turnierplatz und die erste Katastrophe. Durch den vielen Regen der letzten Tage ist der Parkplatz – ein Stoppelfeld am Hang) so aufgeweicht, dass es mit einem normalen Auto-Anhänger-Gespann kaum möglich ist sich auch nur einen Meter fortzubewegen. Die ersten Gespanne werden mit dem Trecker abgeschleppt, Matsche spritzt von durchdrehenden Reifen, Pferde werden abgeladen um die Fahrt zu erleichtern. Ein wildes Chaos und keine andere Parkmöglichkeit. Wenigstens regnet es jetzt nicht mehr. Dafür wird es langsam warm, unangenehm schwül und die ersten Menschen wischen sich den Schweiß von der Stirn.

Mit genervtem Gesichtsausdruck lenkt Yvonne ihren Geländewagen um die anderen herum und findet einen Parkplatz. Das wäre geschafft. Jetzt kommen die anderen Dinge an die Reihe. Turnierplatz auskundschaften, Startbereitschaft melden, Pacours besichtigen, Pferd satteln und noch ein letztes Mal überputzen, obwohl der Abreiteplatz so matschig ist, dass man davon gleich eh nichts mehr sehen wird. Aber Yvonne besteht darauf: „Wenn wir schon nicht die Besten sein werden, dann wenigstens die Schönsten.“ Es ist erst ihr drittes Springen in der mittelschweren Klasse und sie rechnet sich keine Chancen aus.

Es ist Mittag, noch scheint die Sonne, aber der Himmel verdunkelt sich und es wird unangenehm schwül und drückend heiß. Hektik bricht aus, das Wetter macht die Leute sehr reizbar. Am Abreiteplatz schreit eine Mutter ihre Tochter an, die sowieso nur noch japsend auf dem Pferd sitzt, da sie die korrekte Kleidung inklusive Jacket trägt. Pferde wiehern, Menschen laufen durcheinander, Reiter meckern über das Wetter oder über ihre Pfleger, über andere Reiter oder über die Turnierorganisation. Lautsprecherdurchsagen kündigen die Reiter an. Dazwischen tönt Musik aus den Lautsprechern, die unterbrochen wird durch Aufrufe an anwesende Hufschmiede, Tierärzte, Sanitäter und andere Helfer. Von außen sieht alles aus wie ein einziges unorganisiertes Chaos. Und doch weiß jeder genau was er zu tun hat. Jedes einzelne kleine Team ist organisiert. Es ist die Aufgabe der Turnierorganisation diese einzelnen Teams als Ganzes zu organisieren. Keine einfache Aufgabe, aber an den meisten Wochenenden wird das von den veranstaltenden Reitervereinen gut gemeistert.

Yvonne ist nun mit ihrem Pferd auf dem Abreiteplatz und wird langsam nervös. Nie ruft ihrer Pflegerin etwas zu. Doch es ist zu laut, es ist einfach nicht zu verstehen. Sie kommt hergeritten, meckert ihre Pflegerin an, die keine Schuld am Lärm hatte. Noch 10 Pferde sind vor ihr. Die Zeit wird knapp. Yvonne lächelt, aber es faällt ihr sichtlich schwer. Während des Reitens wirkt sie sehr konzentriert. In den Pausen, in denen ihre Pflegerin die Sprünge nach ihren Wünschen verändert, zupft sie ihre Bluse zurecht oder spielt mit dem Verschluss ihrer Reitkappe. Jetzt fängt es wieder an zu regnen, die Regenjacken werden ausgepackt und die Pferde erschrecken sich vor dem Knistern. Genervte Reiter rupfen hart an den Zügeln um sie zum Stillstehen zu bewegen. Yvonnes Pferd hat kein Problem mit den Geräuschen – wenigstens eine erfreuliche Sache.

Endlich ist es soweit. Sie soll sich bereithalten. Karin wischt ihr die Stiefelsohlen ab, unter denen der Dreck klebt. Schließlich soll sie gleich nicht aus den Steigbügeln rutschen. Yvonne nagelt wieder nach den Steigbügeln. Für einen Reiter eine Routinebewegung. Doch diesmal gelingt es nicht, Karin muss helfen und beruhigen.

Nächster Starter die Startnummer 131, Yvonne Werding mit Adonis vom Reiterverein Schloß Neuhaus.“ Eine Glocke ertönt – das Startzeichen. Erster Sprung – kein Abwurf. Karin steht am Rand und murmelt leise vor sich hin: „Schneller! Spring! Jetzt! Nein! Komm schon! Hooo!Bei jedem Sprung hebt sie ihr Bein mit, zuckt mit als ob sie selber reiten würde. Der Oberkörper geht nach vorne, die Daumen in die Faust eingeschlossen und an das Gesicht gepresst.

Viele Pfleger, Eltern, Turniertrottel und Freunde stehen so am Turnierplatz und fiebern mit. Sie sind sogar teilweise nervöser als die Reiter selber. „Es ist schrecklich nur zugucken zu können und einfach nichts ändern zu können und nicht helfen zu können.“

Der Turnierplatz steht unter Wasser, Adonis galoppiert in einem irren Tempo über den Platz. Die Matsche spritzt ihr bis in das Gesicht. Man kann hören, wie Karin die Luft anhält, vor jedem Sprung. Nur noch ein Sprung, Adonis rutscht in der Kurve ein wenig. Aber er bleibt auf allen Vieren. Zuvor sind schon einige Pferde hingefallen. Zum Glück hat Karin daran gedacht Stollen reinzudrehen.

Nach zwei Minuten ist es vorbei. Es gelingt. Null. Beifall. Die Musik wird lauter gedreht. Sie hat tatsächlich keinen Fehler gemacht. Und eine super Zeit. Dreckig, nass, schwitzend und völlig fertig steigt sie ab und drückt Karin die Zügel in die Hand. Der Rest ist ihre Aufgabe.

Jetzt wird gewartet. Schafft es noch jemand den Pacours ohne Fehler zu reiten und das in einer schnelleren Zeit? Es schafft keiner. Yvonne holt ihre goldene Schleife ab. Ihr Gesicht strahlt mit der Schleife um die Wette. Die Kappe unter dem Arm, den Pokal in der Hand reitet sie ihre wohlverdiente Ehrenrunde.

Es ist 16Uhr. Ankunft zurück am Stall. Yvonne ist seit 12 Stunden auf den Beinen und will nur noch unter die Dusche und ins Bett. Für den 2 Minuten dauernden Ritt und der kurzen Ehrenrunde hat sich dieser Stress an einem freien Tag gelohnt? „Es ist mein Hobby und selbst ohne ein Platzierung lohnt es sich loszufahren. Morgen früh geht’s weiter!“

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Eine sehr schöne Reportage, Frau Stoffelz! Adonis kann sich glücklich schätzen, dass sie über ihn schreiben ;)